Bildungsraum Stadt: Bildung nachhaltiger Entwicklung im Stadtteil am Beispiel Nordbahnviertel

Das Konzeptmodul "Bildungsraum Stadt" stellt ein studienrichtungsübergreifendes Master-Lehrangebot an der Fakultät für Architektur und Raumplanung an der TU Wien dar. Das Thema "Bildung nachhaltiger Entwicklung im Stadtteil am Beispiel Nordbahnviertel" wird im Rahmen von zwei Lehrveranstaltungen im Sommersemester 2018 erarbeitet.

Darstellung

Das Lehrprojekt analysiert gesellschaftspolitische und konzeptionelle Zusammenhänge kommunaler Bildungslandschaften und verknüpft diese mit Ansätzen transformativer Wissenschaften und partizipativer Forschung. Bildungsangebote und Bildungsnetzwerke werden dabei als relevante lokale Standortfaktoren verortet, wobei nicht nur die Vernetzung von Bildungseinrichtungen und sondern auch die Herstellung von Bildungsgerechtigkeit, die Verbesserung von Beschäftigungsfähigkeit und die Ermöglichung von demokratischer Teilhabe auf lokaler Ebene von zentraler Bedeutung sind. Insbesondere erlangen darüber hinaus Bildungsinhalte im Kontext nachhaltiger Stadt und Regionalentwicklung an Bedeutung: sie können Bildungsprozesse für einen gesellschaftlichen Wandel zu nachhaltiger Entwicklung (WBGU 2011) unterstützen und entscheidende Kompetenzen für die gemeinsame, partizipative Gestaltung nachhaltiger Handlungsmuster in Produktion und Konsum auch in urbanen Systemen vermitteln (Singer-Brodowski et al 2014: 1-2). In den letzten Jahren ist im deutschsprachigen Raum ein Trend zum Aufbau lokaler Bildungslandschaften zur Vernetzung von formellen, non-formalen und informellen Lernorten und Lernprozessen in Stadtteilen zu beobachten. In diesem Zusammenhang spielt die Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) eine wichtige Rolle (UNESCO Executive Board 2013). Bildung und Kompetenzentwicklung aller BürgerInnen können im Sinne einer »Großen Transformation« (WBGU 2011) der Gesellschaft in Richtung Nachhaltigkeit unterstützend wirken, indem sie zur Verbreitung der Fähigkeit beitragen, gesellschaftliche Veränderungsprozesse zu lesen, zu interpretieren und zu gestalten. Einen gegenständlichen Schwerpunkt des Lehrprojektes bilden aktuelle Transformationspotenziale im Stadtentwicklungsgebiet Nordbahnhof Wien. Das Entwicklungsgebiet des Nordbahnviertels ist Teil eines innerstädtischen Transformationsprozesses, der insbesondere durch das Bevölkerungswachstum seit Anfang der 1990er Jahre stimuliert wird. Dabei kommt den Flächen des stillgelegten Nordbahnhofs mit einer Gesamtfläche von 85 Hektar und des daran angrenzenden Nordwestbahnhofs mit einer Gesamtfläche von 44 Hektar eine große Bedeutung für die Prägung der künftigen innerstädtischen Urbanität zu. Ziel des Lehrprojektes ist es, die potenzielle Vielfalt von Bildungssettings in einem Stadtteil als Impulse für eine nachhaltige Entwicklung in der kommunalen Bildungslandschaft am Fallbeispiel Nordbahnviertel theoretisch zu reflektieren, in ausdifferenzierter Form darzustellen und entlang partizipativer Transitionspfade konzeptuell weiterzuentwickeln. Im Rahmen dessen werden auf praktisch-konkreter Ebene Schnittstellen zwischen den unterschiedlichen Bildungsgelegenheiten verortet und die damit einhergehenden Potenziale und Qualitäten für zukünftige urbane Bildungsräume erforscht und sichtbar gemacht. Das Konzept der Bildungslandschaft soll eine Kontextualisierung der lokalen und im Sinne der BNE an Nachhaltigkeit orientierten Praktiken möglich machen. Literatur: Singer-Brodowski, Mandy; Hassekuß, Marco; Bliesner-Steckmann, Anna; Baedeker, Carolin (2014): Netzwerke der Bildung für nachhaltige Entwicklung als soziale Innovation in der Stadt- und Regionalentwicklung. In: pnd online II/2014, S. 1-12, Online: http://www.planung-neu-denken.de/content/view/295/41, 27.02.2018. UNESCO Executive Board (2013): Proposal for a Global Action Programme on Education for Sustainable Development as Follow-Up to the United Nations Decade of Education for Sustainable Development after 2014. Vorläufige Arbeitsübersetzung der Deutschen UNESCO-Kommission, Download der englischsprachigen Originalfassung unter: http://unesdoc.unesco.org/images/0022/002223/222324e.pdf WBGU (2011): Hauptgutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung GlobaleUmweltveränderungen, Online: http://www.wbgu.de/hg2011/, 14.12.2017.

KooperationspartnerInnen

Das Projekt wurde in Kooperation mit dem Smart Cities Demonstrationsprojekt “Mischung: Nordbahnhof” (siehe www.nordbahnhalle.org), einem vom Klima- und Energiefonds geförderten F&E-Projekt, durchgeführt.

Ergebnisse / Produkte

Folgende thematische Schwerpunkte wurden im Laufe des Semesters vertieft ausgearbeitet. - Gesundes und generationenübergreifendes Lern- und Lebensumfeld: Ernährung im Kontext Bildung - Re- und Upcycling: Nachhaltigkeit - Straßenraum und Schulwege: Sicherheit und Verantwortung - Lernraum Natur: freies Lernen - Inklusive Räume: Vernetzung und Gerechtigkeit - Schule überall: Nutzungsmischung und Kooperation In kleinen Teams wurden hierzu Recherchen und Analysen durchgeführt und darauf aufbauend Szenarien und Zukunftsvisionen erarbeitet, dargestellt und gemeinsam reflektiert. Dabei bedienten wir uns einerseits der Form eines Forschungskurzberichts sowie des Geschichten- bzw. Bilderbuches: Jede Arbeit legt ihren individuellen Fokus auf ein räumlich-thematisch verortetes Bildungssetting und stellt damit gewissermaßen ein Kapitel im Rahmen der Bildungslandschaft Nordbahnviertel dar.

Öffentlichkeitsarbeit

Die Ergebnisse bzw. Zwischenergebnisse des Lehrprojekts wurden in einer halböffentlichen Veranstaltung mit geladenen Gästen vorgestellt und diskutiert. Eine Webseite zur Darstellung der Projektergebnisse ist in Arbeit und kann demnächst öffentlich eingesehen werden.

Bezug zu den Kriterien der Bildung für nachhaltige Entwicklung


Wertorientierung am Leitbild der nachhaltigen Entwicklung
Die im Rahmen des Konzeptmoduls "Bildungsraum Stadt" angebotenen Lehrveranstaltungen sollen den Studierenden die Möglichkeiten geben, das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung im Bildungskontext am Fallbeispiel eines konrekten städtischen Entwicklungsgebiets zu reflektieren und zukunftsfähige Lösungen zu erarbeiten. So können die teilnehmenden Studierenden in ihrer eigene Fachdisziplin den Nachhaltigkeitsgedanken etablieren und gleichzeitig im studentischen Alltag vor Ort abfragen. Die Bandbreite der entwickelten Themen (siehe Ergebnisse) spiegelt dabei mögliche Entwicklungslinien im Bereich der nachhaltigen Stadtentwicklung wider.

Mehrperspektivität/Transdisziplinarität
Das Konzeptmodul "Bildungsraum Stadt" ist von Grund auf interdisziplinär angelegt. Insbesondere die Kooperation der Studienrichtungen Architektur und Raumplanung soll damit gestärkt werden - sowohl auf Lehrenden- als auch auf Studierendenseite. Das Modul ist zudem ebenso offen für weitere Disziplinen, wie beispielsweise Bildungswissenschaften oder Kommunikationswissenschaften. Studierende werden zur Teilnahme eingeladen, dem Austausch zwischen den Disziplinen in den wöchentlichen Treffen entsprechend Zeit eingeräumt. Es ist unsere Überzeugung, dass inter- und transdisziplinäre Herangehensweisen zu neuen Lösungen für akute Problemlagen führen können.

Zukunftsorientierung
Architektur und Raumplanung sind per se zukunftsorientierte Disziplinen. Die Besonderheit des Konzeptmoduls "Bildungsraum Stadt" liegt in ihrem thematischen Fokus auf Bildung nachhaltiger Entwicklung. Die Zukunft in diesem Bereich als offenen und gestaltbaren Prozess zu begreifen, ist zentrales Anliegen des Konzeptmoduls “Bildungsraum Stadt”. Im Rahmen der Lehrveranstaltungen sollten von den Studierenden lokale Innovationspotenziale im Bereich nachhaltiger Entwicklung verortet und daraus Zukunftsvisionen abgeleitet, visualisiert und zur Diskussion gestellt werden. Um diesen Prozess nachvollziehbar zu gestalten und Reflexionsprozesse auf breiter Ebene anregen zu können, werden die erarbeiteten Visionen und Handlungsoptionen sowohl als wissenschaftlicher Kurzbericht, als auch als Bilderbuch und schließlich als Posterpräsentation vorgestellt.

Globale Perspektive
Insbesondere in der, im Rahmen des Konzeptmoduls angebotenen Lehrveranstaltung "OPENtransition" wird unter Bezugnahme auf “Transition Theories” auf theoretisch-analytischer Ebene das Zusammenspiel von Nischenbewegungen, sozioökonomischen/-technischen/-politischen Strukturen (“Regime”) und übergreifenden Entwicklungen (“global trends”) thematisiert. Vor diesem Hintergrund werden die eigenen Projektthemen und Zukunftsvisionen eingeordnet reflektiert. Damit erhalten die Studierenden die Möglichkeit und ein konkretes Analyseinstrument, Auswirkungen lokaler und regionaler Entscheidungen auf globale Entwicklungen und vice versa zu betrachten.

Kritisches Denken und Problemlösen
Das Konzeptmodul “Bildungsraum Stadt” ist in den Masterstudiengängen Architektur und Raumplanung verortet. Unter dem gemeinsamen Thema der Bildung nachhaltiger Entwicklung können die Studierenden auf Basis ihrer Recherchen und Vor-Ort-Arbeit Themen für die weitere Ausarbeitung formulieren. Damit einher geht eine entsprechende Auswahl an Fachliteratur, an empirischen Erhebungsmethoden sowie die Umsetzung unterschiedlicher Darstellungs- und Kommunikationsmethoden. Kritisches Denken und Problemlösen sowie die Reflexion der gewählten Erhebungs-, Analyse-, Entwicklungs- und Darstellungmethoden sind integraler Bestandteil des Lehrveranstaltungsmoduls.

Methodenvielfalt
Im Konzeptmodul “Bildungsraum Stadt” geht es darum, Forschung, Lehre und Praxis zusammenzudenken. Die Arbeit findet vor Ort direkt im Stadtentwicklungsgebiet statt wo sich zahlreiche Anhaltspunkte befinden, welche im Laufe eines selbstorganisierten Suchprozesses erst entdeckt und weiterentwickelt werden. Dabei kommen je nach Bedarf unterschiedliche empirische Methoden zur Anwendung (Qualitative Interviews, Fragebogenerhebung, Mental Maps, Dokumentenanalyse, Teilnehmende Beobachtung, Desk Research etc.). Um die kommunikativen Kompetenzen der Lernenden und den Austausch untereinander zu fördern werden unterschiedliche Gesprächs- und Reflexionssettings (Lehrveranstaltungsübergreifende Diskussionen, Kleingruppen- und Einzelgespräche, gegenseitiges Feedback etc.) hergestellt. Auch für die Darstellung und Kommunikation der (Zwischen-)Ergebnisse werden schließlich unterschiedliche Methoden angewandt: Wissenschaftlicher Bericht, Bilderbuch, Plakatpräsentation.

Partizipationsorientierung
Stadtentwicklungsgebiete sind für wissenschaftliche Beobachtungen und Interventionen attraktive Orte. Hier lassen sich komplexe Veränderungsprozesse des Städtischen aus verschiedenen (fachlichen, theoretischen, methodischen oder empirischen) Blickwinkeln untersuchen. In methodischer Hinsicht bietet das Transformationsgeschehen den (Raum-)Wissenschaften Möglichkeiten, sich – etwa im Rahmen von Forschung und Lehre – aktiv in die lokale Gestaltung von städtischer Zukunft einzubringen. Diese Anteilnahme vor Ort ist (sowohl in der Bestandserneuerung als auch im Neubaugebiet) besonders voraussetzungsvoll, wenn im Sinne eines am Alltag der Beteiligten und am gemeinsamen Handeln orientierten Zugangs lokale Anknüpfungspunkte für gemeinsame Entwicklungsschritte gefunden werden sollen. Für eine behutsame Annäherung bedarf es dann eines grundlegenden Verständnisses für den lokalen Sozialraum und die örtliche Planungs- und Baukultur sowie ein über den Bereich der Stadtentwicklung hinausreichendes Denken.

Lebenswirklichkeit der Lernenden
In der Architektur und räumlichen Planung gilt das gemeinsame Handeln als Schlüssel zum Erfolg nachhaltiger Entwicklungen. Dieser Modus der Zusammenarbeit zeigt sich etwa in der kollegialen Kooperation, im intersektoralen Austausch und der Beteiligung von Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft bis hin zur skizzierten bereichsübergreifenden Konzeption von Quartieren und Städten als Bildungslandschaften. Bestehende Ansichten werden bereichert, unterschiedliche Positionen kristallisieren sich heraus und es entstehen neue Ansichten. Hier werden Schnittstellen zwischen Kopfarbeit und Handwerk hergestellt wie auch institutionelle, non-formale und informelle Prozesse in Beziehung gesetzt. Auf Akteursebene umfasst dies die Gemeinschaft der Studierenden und Lehrenden, sowie die im Zuge der empirischen Erhebungen aktivierten Kontakte zu ExpertInnen der Bildungseinrichtungen, der Stadtentwicklung sowie die Beteiligung und Anteilnahme der AnrainerInnen. In diesem Sinn sind die Stadt und die Stadtteile selbst als Ressource für Bildung zu benennen. Der Bildungsgegenstand Stadt ermöglicht eine kritische Auseinandersetzung mit Geschichte und Entwicklung des eigenen Wohn- bzw. Bildungsortes in der Stadt. Zum Lernfeld wird dabei auch der städtische Sozialraum mit all jenen Differenzen, die als Möglichkeits- und Konflikträume erfahrbar sind und als Lernräume interpretiert werden können.

Interne offene Lernprozesse
Das Lehr- und Forschungsprojekt bietet eine Vielfalt an Gesprächs- und Reflexionssettings, die entlang der ineinander verschränkten Einzellehrveranstaltungen in Form von Kleingruppen- und Einzelgesprächen, Präsentationen, gegenseitigen Feedback und Reflexionen hergestellt werden. Die Einbettung in das Sondermodul “Bildungslandschaften in Bewegung” ermöglicht darüber hinaus den Austausch mit anderen Lehrenden und Studierenden, das Aufgreifen von Inhalten für weiterführende Forschungs- und Lehrprojekte. Im Projektverlauf müssen Inhalte und Zugänge immer wieder neu verhandelt werden. Dies unterstützt sowohl die Reflexion der eigenen Perspektive auf die Wirklichkeit als auch das Verständnis für andere Blickwinkel und Zugänge. In diesem Sinne werden gleichzeitig Räume reflektiert, Räume produziert und Wissen über diese Räume hergestellt. Kooperationen, Kommunikations- und Netzwerkarbeiten sind daher integraler und notwendiger Bestandteil in den von uns angestrebten Bildungsprozessen. Im Rahmen der Lehrveranstaltungen gibt es Spielraum dafür, in welcher Form sich die TeilnehmerInnen einbringen bzw. besteht Offenheit dafür, die Zielrichtung der Aktivitäten im Laufe der Lehrveranstaltung und in Absprache mit den Beteiligten entsprechend den Gegebenheiten anzupassen.

Partnerschaften und Netzwerke
Die Nordbahn-Halle hat sich schon nach kurzer Zeit als ein Bildungsort erwiesen, wo ausgehend von Impulsen des Projekts „Mischung: Nordbahnhof“ verschiedene Formen des Lernens und des gemeinschaftlichen Engagements hervorgehen konnten. Die Nordbahn-Halle übernimmt damit als kulturelle Einrichtung eine wichtige gesellschaftspolitische Funktion im Stadtteil – und zwar in einer Art und Größe wie es sie im Nordbahnviertel und darüber hinaus bislang nicht gegeben hat. Zugleich verfügt das Nordbahnviertel trotz ungenügender städtebaulicher Qualitäten der Nutzungsmischung und noch mangelhafter sozialer Infrastruktur bereits jetzt über ein vielfältiges Netz an Bildungseinrichtungen, das angesichts aktueller fachlicher Debatten über die Relevanz von „kommunalen Bildungslandschaften“ als Potenzial erkannt, gestärkt und gezielt weiterentwickelt werden sollte. Im Sinne einer sich der Gesellschaft öffnenden Wissenschaft sind die Gelegenheiten des gemeinsamen Forschens wichtig. Die Formen des gemeinsamen Forschens können dabei in der Zusammenarbeit verschiedener Fachdisziplinen und Bildungseinrichtungen erfolgen, wie hier in der Nordbahn-Halle etwa ArchitektInnnen, RaumplanerInnen, PädagogInnen, InformatikerInnen, KünstlerInnen und Kulturschaffende zusammenwirken. Das Arbeiten in derartigen Konstellationen bedeutet Lernen in kollaborativen Prozessen der Wissens(re)generierung.
Letzte Änderung: 18.09.2018
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Wirkungsbereiche


Wien

Laufzeit


01.03.2018 - 30.09.2018

Bildunsgbereiche


Hochschulbildung

Themenbereiche


Stadt & Land nachhaltig entwickeln